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Was soll bloß mit den Millionen illegaler Waffen passieren?


Zwei Weltkriege, freier Verkauf bis in die Siebzigerjahre: Nach Schätzungen gibt es in Deutschland noch immer Millionen illegaler Waffen. Um das Downside zu lösen, diskutieren die Innenminister nun eine Amnestie.  

Im Innenministerium von Rheinland-Pfalz erzählt man sich gern die Anekdote über einen ungewöhnlichen Außentermin von Minister Roger Lewentz (SPD). Bekannte hatten ihn gebeten, doch mal in der Heimat vorbeizuschauen. Der Grund: Im von der Großmutter geerbten Haus waren sie auf einen gesicherten Schrank mit Waffen des lange verstorbenen Opas gestoßen.  

“Das ist einer der durchaus üblichen Fälle, wie Menschen an Waffen gelangen”, sagt Lewentz. Im konkreten Fall blieb ihm nur der Hinweis, sofort die Kreisverwaltung als zuständige Waffenbehörde zu informieren.

Doch es handelt sich eben nicht um einen Einzelfall. In Deutschland dürften Millionen solcher Altlasten noch in Schränken und Schubladen liegen. Bis 1972 gab es Gewehre erlaubnisfrei aus dem Versandhauskatalog, und Schusswaffen aus zwei Weltkriegen funktionieren auch heute noch. 

Roger Lewentz: Der rheinland-pfälzische Innenminister möchte bei der Innenministerkonferenz die Kollegen von einer neuen bundesweiten Waffenamnestie überzeugen. Der mutmaßliche Mord an einem Kassierer in Idar-Oberstein hatte auch die Debatte um illegale Waffen angeheizt. (Quelle: imago images/Torsten Silz, Getty Images Europe, imago/Olaf Wagner, Montage: t-online)Roger Lewentz: Der rheinland-pfälzische Innenminister möchte bei der Innenministerkonferenz die Kollegen von einer neuen bundesweiten Waffenamnestie überzeugen. Der mutmaßliche Mord an einem Kassierer in Idar-Oberstein hatte auch die Debatte um illegale Waffen angeheizt. (Quelle: imago pictures/Torsten Silz, Getty Photographs Europe, imago/Olaf Wagner, Montage: t-online)

Deshalb hat Lewentz für das Thema illegale Waffen weitergehende Pläne, als nur mal selbst nach dem Rechten zu sehen. Wenn ab Mittwoch die Innenminister virtuell zu ihrer Herbstkonferenz zusammenkommen, will er eine neue, bundesweite Waffenamnestie vorschlagen. Das heißt: Die straffreie Rückgabe von Waffen, deren Besitz eigentlich Strafe nach sich zieht. 

Millionen Altlasten in Schränken

Lewentz’ Vorstoß hängt auch mit einer Tat an einer Tankstelle in Idar-Oberstein zusammen, die Ende September die Republik fassungslos machte. Der Scholar  Alexander W. (20) wies als Kassierer einen Kunden auf die Maskenpflicht hin – und wurde wenig später erschossen.

Auf einer Mauer ist ein Graffiti "Sein Name war Alex" für getöteten Tankstellen-Mitarbeiter gesprüht. (Quelle: dpa)Auf einer Mauer ist ein Graffiti “Sein Identify warfare Alex” für getöteten Tankstellen-Mitarbeiter gesprüht. Foto: Oliver Dietze/dpa.

Kunde Mario N. warfare nach Hause gegangen und mit einem anderen T-Shirt und einer Smith & Wesson (Modell  686, Kaliber 357 Magnum) zurückgekommen. Er habe “ein Zeichen” setzen müssen, sagte er später bei der Vernehmung. 

Ein Schuss in den Kopf aus dieser großkalibrigen Waffe richtet verheerende Verletzungen an, Alexander W. hatte keine Überlebenschance. Und bei Mario N. daheim fand die Polizei noch eine kleinkalibrige Ceska und 20 Schuss Munition, allesamt unlawful. Noch unter dem Eindruck der schrecklichen Tat stehend kündigte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer den Vorstoß von Lewentz an: “Er wird das Thema illegale Waffen auf der nächsten Innenministerkonferenz anmelden.”

Ingo N.: Mit einem Sixpack Heineken und ohne Maske vor dem Gesicht ging er zur Kasse, wurde ermahnt. Er verließ die Tankstelle, kehrte mit seinem Smith-&-Wesson-Revolver zurück und erschoss den 20-jährigen Alex hinter der Kasse. (Quelle: Polizeipräsdium Trier)Ingo N.: Mit einem Sixpack Heineken und ohne Maske vor dem Gesicht ging er zur Kasse, wurde ermahnt. Er verließ die Tankstelle, kehrte mit seinem Smith-&-Wesson-Revolver zurück und erschoss den 20-jährigen Alex hinter der Kasse. (Quelle: Polizeipräsdium Trier)

Lewentz sagt jetzt t-online: “Wenn es bundesweit nur einige Zehntausend Waffen mit Munition sind, die wieder aus dem Verkehr gezogen werden, dann lohnt es sich, sich dafür einzusetzen.” Solche Waffen könnten dann nicht mehr zur nächsten Station gelangen, die sie vielleicht kriminell nutze. 

Aber steht der Fall in Idar-Oberstein dafür überhaupt beispielhaft? Die Waffe bei dem Schützen von Idar-Oberstein lag daheim, aber seit wann und woher er sie und die weitere Waffe hatte, ist noch unklar. Klar ist: Sie seien unlawful gewesen, es gebe allerdings bisher keine Hinweise, dass sie schon zu anderen Straftaten eingesetzt worden seien, sagt Gerd Deutschler, Leitender Oberstaatsanwalt der ermittelnden Behörde in Unhealthy Kreuznach.

Schütze mit Waffe vom Vater?

Mario N. hatte sie den bisherigen Ermittlungen zufolge offenbar auch nicht additional für die Tat besorgt. “Ob seine Angaben zutreffen können, ist noch Gegenstand der Ermittlungen”, so Deutschler. Mit einer Anklage ist noch in diesem Jahr zu rechnen, bis dahin ist die Staatsanwaltschaft zurückhaltend. Aber: “Es kann nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden, dass die Waffen dem Beschuldigten in der Vergangenheit von seinem Vater (zu dessen Lebzeiten) überlassen wurden.” Es wären dann Waffen, die bei einer Amnestie hätten zurückgegeben werden können. 

Und Mario N. hat selbst den Schrecken erlebt, den Waffen anrichten können: Sein Vater wollte sich und Mario N.s Mutter im März 2020 erschießen, die Frau überlebte schwer verletzt. Damals, so Deutschler, sei von der Kripo im Umfeld des Vaters nach Waffen gesucht und es seien auch welche sichergestellt worden. Auch sie besaß der Vater nicht authorized.

Es gibt in ganz Deutschland rund fünf Millionen erlaubnispflichtige Waffen. In Rheinland-Pfalz mit seinen 4,1 Millionen Einwohnern sind es allein rund 360.000. Der größte Teil geht auf den Jagd- und Schießsport zurück. “Diese Waffen haben wir im Blick”, sagt Lewentz. Legale registrierte, erlaubnispflichtige Waffen spielen eine geringe Rolle, wenn schwere Straftaten begangen werden. Das sagt zumindest die Statistik. Und die bestätigt auch der Minister.  

Diese Waffen sind bei den Behörden und im Nationalen Waffenregister erfasst, ihre Besitzer wurden überprüft und mussten erforderliche Sachkunde für den sicheren Umgang mit ihnen und deren Verwahrung nachweisen. Seit der jüngsten Reform müssen Waffenbehörden bei jeder Zuverlässigkeitsüberprüfung die zuständige Verfassungsschutzbehörde beteiligen, und der Verfassungsschutz muss nachträgliche Erkenntnisse mitteilen. 

Expertenschätzung ist Jahre alt

Das Downside: Für viele Millionen illegaler Waffen greift diese Regelung nicht, es gibt nicht einmal aktuelle Schätzungen zu ihrer Anzahl. Staatliche Stellen verweisen auch im Jahr 2021 noch auf einen Beitrag der Fachzeitschrift “Kriminalistik” aus dem Jahr 2006: Von 20 Millionen illegalen Waffen ist die Rede, und selbst diese Zahl stützt sich auf zwei frühere Schätzungen.

Niemand kann annähernd sagen, wie viele Waffen aus den beiden Weltkriegen und ihren Nachwirren noch gehortet werden. Sie spielen auch heute durchaus noch eine Rolle: Beim NSU-Polizistenmord in Heilbronn wurde eine Wehrmachtspistole Radom VIS 35 genutzt. Und der falsche Flüchtling und Soldat Franco A. wurde am Flughafen Wien erwischt, als er eine Pistole Distinctive 1917 aus einem Versteck holen wollte. Er besaß unlawful auch eine Pistole FN 1910/22. Die Modellbezeichnungen stehen für die Entwicklungsjahre der Modelle. 

Aber auch Handel und Versandhandel durften lange Zeit quick ungehindert Langwaffen verkaufen. Die Polizeigewerkschaft GdP hatte dort Zahlen zu Verkäufen erfragt und warfare auf 20 Millionen gekommen, die bis zur Änderung der Rechtslage 1972 verkauft wurden.

Gewehre aus dem Quelle-Katalog: Bis 1972 durften solche Waffen fast frei verkauft werden. Die Küstenbundesländer hatten früher Regeln verschärft, aber auch da gab es Wege: Händler warben damit, dass die Besitzübergabe am Ort des Händlers eintritt – "fällt nicht unter die Neuregelung in Ihrem Bundesland".Gewehre aus dem Quelle-Katalog: Bis 1972 durften solche Waffen quick frei verkauft werden. Die Küstenbundesländer hatten früher Regeln verschärft, aber auch da gab es Wege: Händler warben damit, dass die Besitzübergabe am Ort des Händlers eintritt – “fällt nicht unter die Neuregelung in Ihrem Bundesland”.

Jürgen Triebel, Präsident des Büchsenmacherverbandes VDB, hält selbst diese Zahl noch für zu niedrig. Triebel sagt t-online: “20 Millionen verkaufte Waffen in einem Zeitraum von 20 Jahren sind unrealistisch wenig, und das bezieht sich nur auf den Fachhandel. Was in dieser Zeit privat gehandelt wurde, auf Flohmärkten, in Tabakläden und Ähnlichem kann niemand mehr nachvollziehen.” 

In keine dieser Kategorien fällt offenbar die tödliche Waffe von der Tankstelle. Smith & Wesson produziert den unter Sportschützen beliebten Trommelrevolver, mit dem Mario N. schoss, erst seit 1986. Die Staatsanwaltschaft geht nach ihren Erkenntnissen davon aus, dass die Waffe nie authorized im Besitz der Familie warfare.

Drei Millionen Waffen wurden authorized

Viele heute illegale Waffen waren dagegen einst authorized im Besitz der gleichen Familie. Mit einer Waffenrechtsreform 1972 wurde nicht nur der Verkauf eingeschränkt, viele bis dahin erworbene Schusseisen wurden auch zum Downside, wenn die Besitzer sie nicht anmeldeten. 

Registriert wurden in der Folge aber nur drei Millionen Schusswaffen, die sie daraufhin behalten durften. Der Verbleib all der anderen ist unklar. Es gibt auch keine Zahlen, wie viele Pistolen, Revolver und Gewehre aus dem Altbestand in den Jahren danach insgesamt zurückgegeben wurden.

Bekannt sind immerhin die Erfolge der jüngsten Waffenamnestien. 2009 wurden bundesweit rund 200.000 Waffen zurückgegeben – darunter aber auch legale, beim jüngsten Vorstoß intestine 70.000. Und jetzt schon wieder? Lewentz rechnet mit dem Einwand, sagt aber auch: “Eine erneute Waffenamnestie ergibt absolut Sinn, weil es fortlaufend Wohnungs- und Haushaltsauflösungen gibt, bei denen immer wieder unregistrierte Waffen auftauchen.”

Büchsenmacher: Viele illegale Angebote

Eine Schilderung von VDB-Präsident Triebel bestätigt das: “Im Prinzip kommen wöchentlich Menschen in die Waffengeschäfte und wollen illegale Waffen loswerden, die sie beim Entrümpeln nach Todesfällen finden.” Diese Menschen könnten dann nur an die Behörden verwiesen werden. “Wir dürfen solche Waffen ohne Besitznachweise gar nicht übernehmen.”

Die Gesetzeslage sei den meisten Menschen bekannt, glaubt Lewentz. “Manchmal erben Personen eine historische Waffe und haben das Gefühl: Das ist ein Sammlerstück statt einer Kriegswaffe. Aber auch ein Karabiner K98 der Wehrmacht ist kein Sammlerstück, sondern eine scharfe Waffe, deren Besitz ohne Erlaubnis unlawful ist.” 

Und eine Halteramnestie wie nach 1972 mit der Möglichkeit, Waffen zu melden und dann zu behalten, ist für Lewentz heute nicht mehr vorstellbar. “Was heute unlawful ist, ist unlawful.” Das sei auch die Botschaft einer Amnestie: “Wenn der Zeitraum abgelaufen ist und eine unlawful besessene Waffe nicht abgegeben wird, läuft man Gefahr, empfindlich bestraft zu werden.”

Doch viele Menschen sterben auch ohne Erben. Oder die Nachkommen lassen Firmen die Haushaltsauflösung durchführen. Auch ein Weg, wie alte Waffen auf einen illegalen Markt gelangen könnten, weil Mitarbeiter bei Entrümpelungen Funde nicht abgeben? Es gibt Berichte, dass manche kriminelle Rockerklubs Zuständige für Haushaltsauflösungen haben.

Lewentz wiegelt ab: “Wir haben keine Erkenntnisse, dass Funde bei Haushaltsauflösungen für die organisierte Kriminalität related sind oder für den Waffenhandel eine nennenswerte Rolle spielen.” Waffen spielten bei kriminellen Rockerklubs eine Rolle. “Aber die müssen dann nicht 30 Haushaltsauflösungen organisieren, um an Weltkriegs- oder Jagdwaffen zu kommen, die haben andere Möglichkeiten.”

Und um andere Möglichkeiten wird es bei der Innenministerkonferenz auch gehen. Der eigentliche Schwerpunkt ist Cybercrime. “Was uns Sorge macht: Im Darkish Web sind die Angebote sortiert wie in einem Warenhausregal”, sagt Lewentz. Die Polizei stelle sich immer stärker für die Bekämpfung von Cybercrime auf.

Da hilft es durchaus, wenn sie weniger Probleme mit den Waffen von Opas Speicher hat.



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Written by Newsplaneta

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